Zeitformen bestimmen unsere Wahrnehmung

Eines der meist gehassten Themen des Deutschunterrichts in der Schule sind Zeitformen. Während jeder von uns sechs gelernt hat (Wer jetzt nachzählt und nicht auf sechs kommt: Unten auf der Seite gibt es die Auflösung.), benutzen wir im Alltag höchsten drei, wenn nicht sogar weniger. Das Problem dabei spiegelt sich in mehreren Ebenen. Während besonders Fallbeschreibungen von Tathergängen (wichtig z.B. für Versicherungen) auf korrekte Darstellungen angewiesen sind, ignorieren viele Menschen die sprachpsychologischen Aspekte optimalen Zeitformeneinsatzes.

Wie man andere durch Zeitformen manipuliert – Die Vergangenheit

Rein prinzipiell benötigen wir drei Tempi: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Präteritum sowie das Perfekt zeigen Handlungen auf, die vergangen sind und werden genutzt, um Schuld zuzuweisen.

Beispiel: „Du hast den Müll nicht runtergebracht.“; „Du hast mein Auto kaputt gefahren.“ „Wieso hast du xyz getan?!“

In einer Zukunftsform kann ich Schuld nicht zuweisen. Im Präsens geht das auch nur schlecht. In der Vergangenheit klappt es super. Genau das ist auch das Problem bei vielen Kritikgesprächen: Sie werden mit Blickrichtung in die Vergangenheit geführt, in der Hoffnung, man könne dadurch die Zukunft verändern.

Interessant ist dieser Fakt dahingehend, dass man das Perfekt wie auch das Präteritum nutzen kann, um Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ist das moralisch schwierig? – Sicher. Ist es dennoch möglich: Ja.

Emotionen wecken – Die Gegenwart

In der Schule lernen wir, dass Geschichten im Präteritum zu erzählen sind. Das ist schade, denn sie hören sich viel besser an, wenn sie im Präsens erzählt werden.

Beispiel: „Und so ritt der Prinz auf seinem Pferd in Richtung der Prinzessin. Er rief (…irgendwas…), woraufhin sie auf ihn zugerannt kam.“ VS. „Und so reitet der Prinz auf seinem Pferd in Richtung der Prinzessin. Er ruft (…irgendwas…), woraufhin sie auf ihn zurennt.“

Heißt für uns und für alle, die bei anderen positive Emotionen wecken möchten: Im Präsens sprechen, hilft. – Besonders spannend ist dieser Aspekt für Vertriebler und Speaker, die sich mit „Storytelling“ befassen. Hierbei sind Zeitformen in ihrer Gesamtheit relevant: Keiner möchte wissen, was irgendwann mal war oder sein wird (außer Historiker und Lottospieler).

Ziele stecken, Visionen formulieren – Die Zukunft

Das Futur dient inzwischen kaum mehr dem Ausdruck zukünftiger Geschehnisse (diese definieren wir häufig im Präsens). Vielmehr können Zukunftsformen dazu genutzt werden, Ideen, Vorstellungen und Ziele zu konkretisieren.

Beispiel: „Wir werden bis zum Dezember des kommenden Jahres Marktführer sein!“

Vorausschauendes wird durch das Futur emotionsgeladen und überfordert Zuhörer nicht. Formuliert man bevorstehendes im Präsens („Bis zum Dezember des kommenden Jahres sind wir Marktführer!“), erzeugt die Aussage Druck und kann beim Zuhörer zu Angst führen. – Auch dieser Aspekt ist manipulativ einsetzbar und zeigt die Wirkungsweise zwei verschiedener Zeitformen.

Welche Zeitform anwenden?

Im Grunde kann ich nur dazu raten, sich vorher zu überlegen, was das Gegenüber hört. Die wahrscheinlich irrsinnigste Annahme besteht darin zu glauben, man sei nur dafür verantwortlich, was man sagt, aber nicht, was der andere versteht. – Das Gegenteil ist der Fall: Wir sind dafür verantwortlich, was wir sagen und noch mehr dafür, was der andere verstehen könnte.

 

 

(Plusquamperfekt, Präteritum, Perfekt, Präsens, Futur I, Futur II)

One Reply to “Zeitformen bestimmen unsere Wahrnehmung”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.