Lieblingswörter (Teil 2)

Lieblingswort LieblingswörterWebsite Texter Webstie Text Dr. Ralf Friedrich Online-Texter Texter Chemnitz Texter Leipzig

Meine Lieblingswörter haben in der Regel einen wohligen Klang, tieferen Sinn und sind leider im Alltag eher ungebräuchlich. Das macht aber gar nichts, denn dank mir werden sie maßlos überstrapaziert und vieler Leute Ohren kommen in ihren Genuss. Nur so haben sie eine Chance, sich wie nervige Pusteblumensamen weiter zu verbreiten.

Glücklicherweise habe ich zwar ab und an ein neues Lieblingswort, doch nur selten werden es spontan  allzu viele auf einmal. Ich sammle viel schneller neue Hasswörter (die wiederum von anderen überstrapaziert werden). Aber konzentrieren wir uns vorerst auf die positiven Dinge des Lebens. Es folgen: Zwei meiner Lieblingswörter.

Brachialromantik“

Zugegeben, es ist ein Kunstbegriff. Ich habe ihn vor langer Zeit in den Untiefen des Internets in einer Rezension zu Till Lindemanns Gedichtband entdeckt. Bis heute ertappe ich mich immer wieder aufs Neue dabei, wie ich anderen von den „brachialromantischen“ Liedern der Band Rammstein vorschwärme (auch – und besonders – wenn sie mit Rock und Metal so gar nichts anfangen können).

Was mich fasziniert ist die Zwiespältigkeit des Begriffs. Romantische Motive sind gefühlsbetont, setzen sich mit Liebe, Sehnsucht, Fernweh oder der Schönheit der Nacht auseinander. „Brachial“ hingegen sind Handlungen, die unter Gewalteinwirkung oder unter Auferbietung großer körperlicher Kraft ausgeübt werden. Nicht selten hinterlassen sie physischen Schaden.

Diese Gegensätzlichkeit mag ich einerseits an den Texten der Band Rammstein, andererseits auch an dem Begriff „Brachialromantik“. Er fasst das Ganze so schön zusammen, fast als hätte man für den Spruch „Liebe ist Krieg“ ein einziges, viel eloquenteres Wort erfunden.

Man hört das auch am Klang des Wortes: Die Rachenlaute „ch“ und „r“ lassen es harsch und derb klingen, der Teil „Romantik“ tönt im Vergleich dazu schon viel weicher und samtiger. Ein Gedicht in sich!

geil“ – das geile Lieblingswörter

Wie oft habe ich mich mit einem meiner Kommilitonen beim Schlendern über den Campus unterhalten, mir wurde eine erfreuliche oder witzige Anekdote erzählt und ich rief laut aus: „Boha, wie geil ist das bitte!?“ Ungefähr genau so oft, wie sich mindestens vier Köpfe nach mir umgedreht haben, sich schüttelten oder rot anliefen. Schade eigentlich.

Seit meiner Jugend benutze ich das Wörtchen „geil“ als Adjektiv, das einen wahnwitzigen, lustigen, krassen, … (die Liste an Ersatzwörtern ist lang) Sachverhalt beschreiben soll. Das ist im Prinzip die ursprüngliche Bedeutung von „geil“ im Sinne von „übermütig“, „heftig“ aus dem Indogermanischen bzw. Althochdeutschen. (Anm. v. Ralf: “Nein, ich habe Marielousie nicht gewzwungen, das so nicht schreiben. Die Kollegen heben das Nerd-Level ihrer Artikel eigenständig auf Lvl. 9000“.)

Erst ab dem 15. Jahrhundert wurde es mit negativen Zuschreibungen synonym für sexuelle Empfindungen wie Wollust und Begierde verwendet. Spätestens im prüden 19. Jahrhundert war „geil“ dann endgültig ein Tabuwort und die sexuelle Konnotation wurde zur Hauptbedeutung.

Das ist zwar heute nicht mehr ganz so schlimm, hat dem Wort aber zu seiner Vulgarität verholfen. Ohne Frage: In Bezug auf einen Menschen („Den Thorsten, den finde ich geil!“) trägt das Wort auch heute noch eine sexuelle Bedeutungsebene in sich.

Vor allem in der Jugendsprache wird „geil“ gerne so verwendet, wie ich oben beschrieben habe. Natürlich vor allem deshalb, weil man damit so schön provozieren kann. 

Obendrein kann man es so wunderbar absurd steigern durch Präfixe wie „mega-“, „super-“ oder meinen persönlichen Favoriten „end-“geil. Was für ein Spaß.

Ich gebe zu: Ich freue mich diebisch, wenn sich die Gemüter aufheizen, weil jemand „geil“ sagt. Deshalb werde ich damit auch weitermachen, auch wenn es sich vielleicht „nicht gehört“.