Weshalb ich keinen kostenlosen Probetext schreibe – und du es auch nicht tun solltest

Es ist keine Woche her, als ich eine E-Mail bekomme und ein Anwalt aus dem Bayrischen die Möglichkeit erfragt, seine Website textlich zu überarbeiten. Es gehe darum, aus dem vorhandenen Textmaterial „mehr“ zu machen bzw. die Suchmaschinenfreundlichkeit zu erhöhen. „Kein Problem! Gern schaue ich mir Ihre Seite an. Anschließend besprechen wir die Details.“ – „Das klingt gut. Es wäre schön, wenn Sie mir vorher bereits einen kostenlosen Probetext senden.“

Probetext oder Referenztext?

Es ist absolut nachvollziehbar, dass niemand gern die „Katze im Sack“ kauft. Allerdings entzieht es sich meiner Kenntnis, weshalb ein kostenloser Probetext angefordert wird. Was möchte der (potenzielle) Klient? Einen Nachweis, dass ich schreiben kann, findet jeder auf meiner Website. Einen Eindruck darüber, wie ich schreibe, erhält man zweierlei: Entweder über den Blog oder die herunterladbaren Referenztexte. Weshalb soll ich also einen „Probetext“ verfassen?!

Du brauchst einen Text, der das ausdrückt, was du sagen willst? – Schreib mir!

Sicherlich ist es bequem, einen konkreten Text zu erhalten, der auf das eigene Thema zugeschnitten ist und zudem völlig kostenfrei. Doch so einfach funktioniert es nicht. Sobald sich ein Texter entschließt, die Tastatur rauchen zu lassen, investiert er seine (Lebens)Zeit. Diese muss allerdings auch finanziert werden. „Einfach mal so“ auf Basis einer „nur“ potenziellen Auftragslage zu arbeiten, ist finanzieller Schwachsinn.

Was kostet ein Texter?

Die Sache ist einfach: Jeder von uns benötigt eine Summe X im Monat, um Miete, Krankenkasse, Sozialabgaben, Essen usw. zu bezahlen. Möchtest du als freiberuflich tätiger Texter (nach Steuern) knapp 2000€/Monat übrig haben (Versicherungen und Sozialabgaben sind noch nicht abgezogen), wirst du ca. 2500€ verdienen müssen. Stell dir vor, du verkaufst einen 500-Wort-Text für 50€ (ohne MwSt.), verlangst du umgerechnet 0,10€ pro Wort (zum Thema „Wortpreis“ komme ich noch). Das bedeutet auch, du müsstest 50 weitere Texte im Monat verkaufen, um deinen Wunschlohn zu erreichen. Das ist viel. Sehr viel sogar. Jetzt überlege, ob du es dir leisten kannst, auch noch kostenlose Probetexte zu verfassen (Im Übrigen: Nein!).

Texter im Preiskampf

Als Texter hast du mehrere Möglichkeiten, deinen Kühlschrank zu füllen. Ganz grob: Du bist selbständig oder in Festanstellung. Version 2 entspannt vieles. Version 1 bedeutet, du solltest beginnen, unternehmerisch zu denken und zu handeln.

Einigen Berufskollegen erscheint es sinnvoll, sich Online-Agenturen anzuschließen, die Texte ab 0,06€/Wort anbieten und 0,02€/Wort an den Texter weitergeben. Ich bin mir unsicher, ob das wirtschaftlicher Suizid (für alle?) oder “nur” selbstgewähltes Elend ist. Dankbarer Weise bleibt das wirtschaftliche Prinzip der Triangel aus Preis, Qualität und Geschwindigkeit immer bestehen. Das bedeutet: Es wird höchstwahrscheinlich keinen qualitativ hochwertigen Text geben, der aus einer Billigproduktion stammt, die bereits nach einigen Stunden liefert. Vom Preisdumping, das niemandem hilft, möchte ich gar nicht anfangen.

Hinzu kommt: Google rächt sich leise. – Schlechte Texte sind zumeist nicht suchmaschinenoptimiert und bieten zudem selten echten Mehrwert. (Was das bedeuten kann, lest ihr im Artikel zum Thema „Content“.) Google bewertet entsprechende Texte als minderwertig, was sich ohne großes Tamtam auf das Ranking der gesamten Website auswirken kann.

Exkurs zum Triangel

Soll eine Leistung qualitativ hochwertig und schnell erledigt sein, ist sie nicht billig. Ist sie preiswert und schnell erledigt, mangelt es an Qualität. Wird es preisgünstig und qualitativ akzeptabel, wird es zumeist nicht schnell erledigt.

Die Lösung: Kooperation zwischen Klient und Texter

Darf ich die Frage nach einem kostenlosen Probetext als Beleidigung auffassen? Gehen Personen, die danach fragen, auch zum Frisör und erbitten einen preisreduzierten oder kostenfreien Probehaarschnitt? Verlangen jene beim Bäcker ein Testbrötchen? Weshalb ist es bei Textern inzwischen üblich, nach dieser Form des Testschusses zu fragen? – Ich weiß es nicht.

Um dennoch Textern und Klienten ein gutes Gefühl zu geben, sind Kooperationswege die beste Wahl. Es empfiehlt sich für Texter, eine Referenzmappe mit unterschiedlichen Textsorten zusammenzutragen und auf Bitten zu versenden oder zum Download anzubieten. Ferner ist es günstig, gemeinsam mit dem Kunden am Briefing zu arbeiten. Somit ist es möglich, sich der Wunschqualität des Textes anzunähern, die passende Sprache zu finden und ein Produkt zu generieren, das alle Beteiligten glücklich stimmt.