Hasswörter (Teil 2)

Hasswörter Hasswort Website Texter Webstie Text Dr. Ralf Friedrich Online-Texter Texter Chemnitz Texter Leipzig

Besonders die deutsche Sprache hat schon viele Dichter zu blumigen und poetischen Werken inspiriert. Neben klangvollen und hintersinnigen Wörtern, die in den Lieblingswort-Sammlungen dieses Blogs vorgestellt werden, existieren jedoch auch Unwörter, bei deren Erklingen sich mir die Zehennägel aufrollen. Meine persönlichen Hasswörter sollen ihre letzten Minuten des Ruhms genießen, denn nun beginnt meine Abrechnung.

„authentisch“

Es gibt kaum ein Wort, das in den letzten Jahren inflationärer verschossen worden ist als „authentisch“. Authentizität bedeutet Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und Echtheit. Was genau ist aber die Kerneigenschaft eines „authentischen“ chinesischen Restaurants, eines „authentischen“ Werbespots oder einer „authentischen“ Persönlichkeit?

Ehrlichkeit und Echtheit sind vor allem in der Werbebranche beliebte Schlagwörter geworden. „Markenauthentizität“ soll bedeuten, dass nicht mehr und nicht weniger als das tatsächliche Nutzenversprechen transportiert wird. Das Problem daran ist jedoch: Wäre die Werbung für Kinder Riegel wirklich authentisch, wären sie nicht „die extra Portion Milch“, sondern „die extra Portion Zucker“.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei „authentischer Werbung“ um nichts weiter als ein Oxymoron. Der vielseitige Begriff der Authentizität verkommt mehr und mehr zum nervigen Lückenfüller. Gute Werbung ist nicht „echt“, sondern griffig, außergewöhnlich oder eingängig. Und wie die Persönlichkeit eines Menschen „echt“ sein soll – oder unecht sein kann – ist mir ohnehin ein Rätsel.

 

„Ostalgie“

Es ist nichts verkehrt an Neologismen. Sprache ist ständig im Wandel.

Menschen müssen für neue Sachverhalte neue Begriffe finden, damit man sich auch weiterhin unfallfrei verständigen kann.

Allerdings kann ich Neologismen, die mit diffizilen Sachverhalten Schabernack treiben, nicht viel abgewinnen.

Nostalgie ist kein Phänomen, das ausschließlich ostdeutsche Bundesbürger überkommt, die aktiv Lebenszeit in der DDR verbracht haben. So gut wie jeder Mensch wird schon einmal gedacht haben, dass früher, in den guten alten Zeiten, alles besser war. Sich zurückzusehnen ist also nichts verwerfliches. Kritiker halten Ostalgikern vor, sie seien dem Fakt gegenüber ignorant, die SED-Führung habe gravierend (negativ?) in das Leben der DDR-Bürgern eingegriffen.

Ich halte die Behauptung, dass alle ehemaligen DDR-Bürger die Augen vor dem Unrechtsstaat verschließen, wenn sie in Erinnerungen schwelgen, für zu kurz gedacht. Jede Medaille hat zwei Seiten, deshalb kann keine ordentliche Erinnerungskultur entstehen, wenn durch solche Pauschalisierungen jede positive Äußerung obsolet wird.

Dafür einen Begriff zu erfinden, der den Sachverhalt noch mehr verkürzt, setzt dem ganzen die Krone auf.

 

„mensen“

Man möchte meinen, dass es nicht mehr notwendig ist, jeden Sachverhalt bis zur Unkenntlichkeit zu verkürzen, seit die Zeichenbegrenzung der SMS im Alltag keine Rolle mehr spielt. Trotzdem entstehen nicht nur von Substantiven, sondern gleich von ganzen Sachverhalten Ableitungen wie „mensen“ für „in die Mensa gehen“.

Zugegeben, das mag ein sehr konkretes Beispiel aus meinen studentischen Dunstkreisen sein. Aber auch andere Leute „facebooken“ und tun das so erfolgreich, dass diese Schöpfung mittlerweile im Duden steht.

Ich wünsche mir einfach nur ein bisschen mehr Investition von Zeit und Gedanken in die Sprache und ein bisschen weniger Haschen nach vermeintlicher „Effizienz“. Wäre es nicht schöner, gleich von Anfang an richtig verstanden zu werden, als alles im Nachhinein noch einmal umständlich erklären zu müssen?