Code Switching – Was passiert, wenn wir die Sprache wechseln?

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Was ist Code Switching? Oder anders gefragt: Was passiert, sobald wir die Sprache wechseln?

Machen uns Fachbegriffe selbstbewusster? Sind wir höflicher, wenn wir mit britischem Akzent sprechen? Verhalten wir uns mutiger, wenn wir in Spanisch kommunizieren? Wechseln wir die Sprache, nehmen wir für kurze Zeit eine andere soziale Rolle ein. – Mit neuen Werten, neuem Denken und neuen Möglichkeiten. Woran das liegt und welche Möglichkeiten damit verbunden sind, klären wir in diesem Artikel.

Bin ich ein Anderer, wenn ich eine andere Sprache spreche?

Unbewusst wechseln wir alle hunderte Male am Tag Aspekte unseres Sprechens; Und sei es nur ein unbewusst ausgesprochenes Wort wie “Sorry”. Ob wir in mehreren Sprachen unsere Worte jonglieren oder ob wir Modebegriffe in unser Vokabular einbauen, es ist nicht nur die verbale Sprache, die sich ändert. Sprachwissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als Code Switching. Wurde man über viele Jahre beim Aussprechen eines fremdsprachigen Wortes noch schief angesehen, ist Code Switching heutzutage kein seltenes Phänomen mehr.

Sprache (wie auch der dazugehörige Begriff Code Switching) lässt sich auch auf Sprachvariationen wie Dialekte, Fachjargon oder Akzente übertragen. Unsere Persönlichkeit und unsere Körpersprache ändert sich, sobald wir eine neue Sprachform nutzen. Dieses, als Cultural Frame Switching benannte Phänomen, ist unmittelbar an Code Switching gebunden und untrennbar mit Sprache verknüpft. Das heißt: Unser bevorzugtes Kommunikationsmittel, ob verbal, non-verbal oder in Schriftform, ist weit mehr als ein reines Aneinanderreihen von Worten.

Sprache stiftet Identität

Gehen wir diesem Sprachphänomen auf den Grund. Laut Duden definiert sich die Sprache als die Fähigkeit des Menschen, zu sprechen oder die Möglichkeit, sich auszudrücken und mitzuteilen. Sprache ist die Basis für unsere Kommunikation. Sie definiert sich nicht nur als Muttersprache oder Fremdsprache. Auch Ausprägungen wie Dialekt, Umgangssprache oder Fachjargon werden als eigene Sprachvariation angesehen.

Sprache ist das, was wir in aller Regel zuallererst neben der Nestwärme und Geborgenheit der Familie wahrnehmen, nachdem wir das Licht der Welt erblickt haben. Das Gemurmel der Eltern, der Ärzte, der Hebamme schwirrt um uns herum. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Mensch dazu gemacht ist, eine Sprache zu erlernen. Jedoch ist in unserem Gehirn nicht von vornherein festgelegt, in welcher Sprache wir später kommunizieren werden. Es hängt davon ab, welche Sprache in der Umgebung des Babys gesprochen wird.

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Muttersprache

Die erste Sprache, die wir lernen, ist die Muttersprache und wie das Wort schon sagt, in der Regel zuallererst von der Mutter übernommen. Dabei ist ganz egal, ob die Mutter eine Chinesin ist, einen Deutschen geheiratet hat und in Spanien lebt. Die Mutter wird (wahrscheinlich) ganz natürlich Chinesisch mit ihrem Kind sprechen (können). Mit der Erstsprache lernen wir, Emotionen und Gefühle auszudrücken, Dimensionen von Worten einzuschätzen und welche Konsequenzen diese nach sich ziehen, sobald wir sie verwenden. Entscheidend dabei ist neben der Stimmlage auch die parallel assoziierte Körpersprache wie Mimik und Gestik. Durch Sprache lernen wir Verhaltensweisen und eine tiefere Bedeutung von Moral, Worten und Ethik kennen.

„Mit jeder neu gelernten Sprache erwirbst du eine neue Seele“.

Beobachten wir uns selbst, während wir in eine andere Sprache wechseln, sei es in unseren heimischen Dialekt oder in eine Zweitsprache, ist in allen Fällen eine innere wie äussere Veränderung zu bemerken. Es scheint, als wechsle der Sprecher mit einer anderen Sprache in eine andere Rolle, ganz so, als verkleide er sich zum Karneval.

Sprache und Emotion

Im Grunde ist das recht einfach zu begründen: Unsere Erstsprache verbinden wir mit weitreichenden emotionalen Erfahrungen, sprechen sie Zuhause am Küchentisch, mit unseren Eltern, Geschwistern, Großeltern und Freunden. Spannend dabei ist, dass wir uns immer erwischen, in der Muttersprache zu fluchen und zu schimpfen. Immer. Nur so erhält das Gesagte die gewollte emotionale Tiefe. Anders als in der Zweitsprache. Diese erlernen wir in der Regel in der Schule, in der ein grundsätzlich anderes Umfeld herrscht als im eigenen Zuhause. Es ist die Pflicht, die uns dazu zwingt, eine Fremdsprache zu erlernen, nicht, weil wir uns freiwillig dazu entscheiden.

Die Beweggründe zum Erlernen einer Sprache sind entscheidend. Es braucht positive Assoziationen im Gehirn, welche Spass an der Sache vermitteln. – Besonders, wenn es um das Erlernen einer Sprache geht.

 

Rosemary Wilson vom Institut für angewandte Linguistik und Kommunikation der Universität London erforscht dieses Phänomen und kommt zu dem Schluss, dass die wirtschaftliche Bedeutung einer Sprache, beispielsweise Englisch, das Erlernen einer Sprache eher degradiert und den kulturellen Hintergrund weitgehend auslässt. Oft wird Englisch sogar ohne kulturelle Assoziationen weitergegeben. Demzufolge fehlen Interesse, Motivation und Eigeninitiative der Schüler, sich der neuen Sprache vollständig zu öffnen.

Da kann es einen noch so guten Lehrer haben: Ist der Nutzen für den Schüler nicht klar erkennbar, mangelt es mittelfristig an der Motivation, die Fremdsprache zu erlernen.. Parallel dazu untersucht Wilson das Erlernen einer Zweitsprache im Erwachsenenalter, aus Freude und Interesse an der Landeskultur und Sprache heraus. Und siehe da – die Probanden lernten weitaus leichter und verbinden das neu Gelernte mit positiven Bildern und Emotionen, was durchweg positiv für den Neuerwerb und das Fortbestehen der Fremdsprache ist. Wilson nennt beispielsweise Sprachstammtische, an denen mit Freude und Genuss eine erlernte Sprache weiterentwickelt und gefördert wird.

Code Switching and Cultural Frame Switching: Different Language, Different Personality?

Eine neue Sprache bedeutet auch immer eine neue Kultur, neue Menschen, neue Verhaltensweisen. Es ist fast unmöglich, die Sprache zu erlernen, ohne auch einen Blick auf den kulturellen Hintergrund zu werfen. Durch diese „mitgelieferte Software“ einer Sprache installieren wir sozusagen ein neues Verhaltensrepertoire, ein neues Gewand, eine neue Rolle, in die wir bei Bedarf schlüpfen können. Nicht nur sind es die reinen Wörter und Phrasen, welche eine neue Sprache beinhaltet, auch eine neue Weltansicht öffnet sich. – Kurzum: Durch die untrennbare Verbindung von Sprache und Kultur erweitert sich beim Erlernen und Sprechen einer neuen Sprache automatisch der eigene (geistige wie emotionale) Horizont. Daraus folgen entsprechende Verhaltensveränderungen, die sich z. B. im Ausleben verschiedener sozialer Rollen widerspiegeln.

Culture Frame Switching

Culture Frame Switching erklärt sich aus dem Phänomen, wie wir mit dem Ausdruck unserer Sprache, unterschiedlich der Muttersprache, andere, oft unbekannte Teile unserer Persönlichkeit betonen. Ein Gedankenexperiment aus der Moralpsychologie, durchgeführt mit unterschiedlichen Sprachen (unter der Voraussetzung, die Kernaussage ist verständlich) beweist einen tieferen emotionalen Resonanzraum der Muttersprache im Gehirn. Beim Präsentieren eines lebensbedrohlichen Dilemmas in einer Fremdsprache tendieren die Probanden eher dazu, rationale und zweckmäßige Entscheidungen zu treffen. Versuchsleiter dieses Experiments, Albert Costa, betont vor allem Moralvorstellungen, welche wir mit Sprachen verbinden.

In der allgemeinen Vorstellung bleiben Moral und Ethik ein Leben lang unverändert verankert in einem Menschen. Doch Costa’s Versuch beweist, wie flexibel Moral und zwischenmenschliche Werte durch Code Switching plötzlich werden können. Ein Code Switch, das Wechseln in eine andere Sprache ungleich der eigenen Erstsprache, geht unweigerlich mit einer Veränderung der Persönlichkeit einher. Denken wir beispielsweise über finanzielle Entscheidungen nach, sind wir besser beraten, diese in einer Fremdsprache präsentiert zu bekommen, wonach wir in dieser Situation höchst wahrscheinlich rationaler entscheiden und die emotionale Komponente beiseite legen.

Neue Sprache, neuer kultureller Rahmen

Mit Sprache werden kulturelle Codes schnell und unbewusst weitervermittelt. Werte können sich ändern, es öffnet sich die Möglichkeit, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Erinnern wir uns an den bereits erwähnten Vergleich mit Karneval: „Ob man sich verkleidet oder eine fremde Sprache spricht, in beiden Fällen passiert etwas Ähnliches“, fand Jean-Marc Dewaele, Professor für angewandte Linguistik in London, heraus. Genauso wie mit einer Verkleidung verändert sich mit dem Anziehen einer anderen Sprache das verbale Ausdrucksvermögen, die Körpersprache, Mimik und Stimmlage.

Wir verlassen sozusagen unsere Komfortzone, probieren ein neues Kleid aus oder ziehen einen neuen Anzug an. Sobald wir beispielsweise den Anzug anhaben, fühlen wir uns seriöser, zurechnungsfähiger und dem Anderen erhaben. Unser „Ich“ mitsamt erlernten Einschränkungen, gesellschaftlichen Gewohnheiten und Tabus, die mit der Muttersprache anerzogen werden, umschiffen wir mit dem simplen Anziehen eines Anzugs beziehungsweise mit einem Code Switch in eine andere Sprache.

Code Switching kann Freiheit bedeuten

Eine neue Freiheit eröffnet sich, genau wie an Karneval, wenn man sich schrill und schräg dem Motto passend einkleidet. „Spreche ich meine Muttersprache, bin ich in meiner eigenen Haut, in meiner natürlichen Komfortzone. Meine Zweitsprache zu nutzen ist für mich wie ein fantastisches Abendkleid und Make-Up aufzutragen, es ist kein natürlicher Zustand, aber einer, der mir erlaubt, zu strahlen und mich wunderschön zu fühlen“, erklärt eine Teilnehmerin von Dewaele’s Studie.

Sigmund Freud berichtete, dass es Personen leichter fällt, hemmende Dinge in Ihrer Zweitsprache zu besprechen, als in Ihrer Muttersprache. Hier schliesst sich wieder der Kreis zur verbalen Inszenierung, verglichen mit dem Tragen von ungewohnter Kleidung. Code Switching in Verbindung mit Cultural Frame Switching beinhaltet das Schlüpfen in eine andere Rolle, wenn wir eine andere Sprache sprechen.

Nicht nur unsere Wahrnehmung nach außen verändert sich mit Sprechen einer anderen Sprache. Auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung verschiebt sich. Entscheiden wir uns dazu, eine neue Sprache zu erlernen, ist es ratsam, unsere Einstellung und unser Hintergrundwissen zu untersuchen.

Sich intensiver mit einer Kultur auseinander zu setzen und die Sprache nach Interessen auszurichten, hilft, die eigene Einstellung gegenüber fremden Ländern und Kulturen zu überformen. Es macht einen Unterschied, ob wir beispielsweise Spanisch mit feurigen Torero Kämpfen, Tapas, Stränden und andalusischen Pferden in Verbindung bringen oder aber mit dem Ballermann und Sangria auf Mallorca.

Schlussendlich entscheidet sich rein aus unserer Motivation, bis zu welchem Niveau wir eine neue Sprache lernen.

 

Quellen

Albert Costa, Foucart A, Hayakawa S, Aparici M, Apesteguia J, Heafner J, et al. (2014) Your Morals Depend on Language. PLoS ONE 9(4): e94842. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0094842;
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0094842

Jean-Marc Dewaele & Seiji Nakano (2013) Multilinguals’ perceptions of feeling different when switching languages, Journal of Multilingual and Multicultural Development, 34:2, 107-120, DOI: 10.1080/01434632.2012.712133;
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/01434632.2012.712133#.VNiOWxa–mc

Rosemary Wilson (2013) Another language is another soul, Language and Intercultural Communication, 13:3, 298-309, DOI: 10.1080/14708477.2013.804534;
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/14708477.2013.804534#.VNiOxha–mc